
24.07.2026 ● myAbility
Bewerben mit Behinderung – Unterstützung beim Bewerbungsprozess
Ein Bewerbungsprozess ist mit vielen Unsicherheiten verbunden. Man kann sich nicht auf alles vorbereiten. Für Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen kommen weitere Aspekte hinzu, die es vorab zu bedenken gilt. Dazu zählt unter anderem das Offenlegen der Behinderung oder chronischen Erkrankung oder die Kommunikation zu notwendigen Anpassungen am Arbeitsplatz, um gute Arbeit leisten zu können.
Auch wenn eine Behinderung nichts über die Fähigkeiten und Kenntnisse einer Person aussagt, kann sie Einfluss haben auf die Bedingungen die notwendig sind, um gut arbeiten zu können.. Daher sollte der Bewerbungsprozess nicht nur genutzt werden um eine passende Stelle zu finden, sondern auch, um einen Arbeitgebenden zu finden, der das passende Umfeld schaffen kann. Der Fokus liegt auf klarer Kommunikation, den richtigen Voraussetzungen zu identifizieren und selbstsicher seine Fähigkeiten und Kenntnisse zu präsentieren.
Vorbereitung auf die Jobsuche
Auf der Suche nach einem (neuen) Job, hilft es folgende Fragen für sich selbst zu beantworten.
- Wie viele Stunden kann & will ich arbeiten? (Vollzeit, 30 Stunden, 20 Stunden,…)
- Welche Fähigkeiten und Kenntnisse habe ich und will ich einsetzen?
- Benötige ich flexible Arbeitszeiten, die Option zu Hause zu arbeiten oder andere technische Hilfsmittel?
- Wie komme ich zur Arbeit? Ist eine gute öffentliche Anbindung für mich notwendig?
- Was brauche ich, um gute Arbeit leisten zu können?
- Gab es Arbeitsbedingungen in vorherigen Jobs, während Studium oder der Ausbildung, die für mich gut gepasst haben?
Wenn man diese Fragen für sich beantworten kann, kann die Jobsuche nach der passenden Stelle gezielter durchgeführt werden. Nicht nur sollte man selbst zur Stelle passen, sondern idealerweise passt auch das Unternehmen zu dir.
Stellenanzeige genau prüfen
Aus einer Stellenanzeige kann man schon viel herauslesen. Gibt es flexible Arbeitszeiten oder Homeoffice-Regelungen? Sind die Aufgaben klar beschrieben? Hat der Arbeitgebende ein Inklusions-Statement eingebaut? Wird eine Ansprechperson für Diversity oder Barrierefreiheit genannt? Eine myAbility-Umfrage hat gezeigt was Bewerbenden mit Behinderungen besonders wichtig ist. Die meisten suchen nach transparenten Informationen: 93 Prozent der Teilnehmer:innen nannten klare Aufgabenbeschreibungen als Wunsch, 92 Prozent konkrete Angaben zum Arbeitsort und 63 Prozent eine Kontaktperson für Barrierefreiheit.
Auf myAbility.jobs werden relevante Hinweise zu Inklusion in Stellenanzeigen automatisch sichtbar gemacht, sowie eine Zusammenfassung der Anforderungen angezeigt.
Lebenslauf mit Unterbrechungen
Das Leben ist nicht nur eine gerade Straße, sondern hat auch Kurven, Kreuzungen und verschiedene Umleitungen. Genauso ist es auch bei dem beruflichen Werdegang. Studienpausen, verlängerte Ausbildungszeiten, berufliche Umorientierung oder gesundheitliche Pausen können vorkommen. Menschen mit Behinderungen haben häufiger unkonventionelle Lebensläufe. Das bedeutet jedoch nicht, dass Menschen mit Behinderungen keine Motivation oder Durchhaltevermögen haben, sondern zeigen damit wie sie mit Barrieren umgehen können.
Eine Rechtfertigung ist nicht nötig. Eine ruhige lösungsorientierte Einordnung ist zielführender. Ein Beispiel: „Nach einer gesundheitlichen Pause konnte ich meine Ausbildung abschließen und in die Arbeitswelt eintauchen. Während dieser Zeit habe ich gelernt, meine Ziele langfristig konsequent zu verfolgen, Prioritäten klar zu setzen und mich selbst zu organisieren.“ So zeigen Bewerbende direkt, welche Soft-Skills sie im Arbeitumfeld einbringen werden.
Offenlegung der Behinderung & Bedürfnisse ansprechen
Jede Person kann selbst entscheiden, ob und wann eine Behinderung oder chronische Erkrankung offengelegt wird. Ausnahmen bestehen lediglich, wenn die Anforderungen der Stelle nicht erfüllt werden können. Manche Bewerber:innen sprechen die Behinderung bereits bei der Bewerbung an, manche erst nach der Einstellung und manche gar nicht. Laut einer myAbility-Umfrage, wird die Behinderung bei 46 Prozent aktiv erwähnt, 37 Prozent entscheiden basierend auf dem Unternehmen, und 12 Prozent erwähnen ihre Behinderung gar nicht.
Wenn man sich nicht sicher ist, ob die Offenlegung der Behinderung relevant ist, können sich Bewerber:innen fragen, ob diese Information für das Gespräch oder die spätere Arbeit relevant ist. Grundsätzlich muss eine genaue Diagnose nicht genannt werden, da es oftmals reicht, notwendige Bedingungen zu beschreiben. Beispiel: „Für unser Bewerbungsgespräch ist für mich ein stufenlos erreichbarer Zugang notwendig.“ Damit wird die Lösung in den Vordergrund gerückt.
Viele Menschen befürchten, als schwierig wahrgenommen zu werden, wenn sie ihre Bedürfnisse ansprechen. Eine klare Erklärung, wie man seine Leistung am besten abrufen kann, zeigen deine Professionalität.. Beispiel: Anstelle von „Ich brauche Unterstützung“, kann man sagen: „Ich kann mich besonders gut konzentrieren, wenn ich mir die Arbeitszeiten selbst einteilen kann und ich von zu Hause aus ohne Unterbrechung arbeiten kann.“
Das Bewerbungsgespräch ist kein einseitiges Gespräch
Das Bewerbungsgespräch dient dazu, dass sich Bewerber:in und Unternehmen kennenlernen und orientieren können. Bewerber:innen können hier Fragen zum Arbeitsalltag, Aufgabenverteilung, flexiblen Arbeitszeiten und remote-Arbeit, sowie zur Barrierefreiheit und Erfahrung mit inklusiven Teams stellen. An den Antworten des Unternehmens lässt sich erkennen, ob ein Unternehmen offen, inklusiv und lösungsorientiert handelt.
Jedoch ist auch hier zu beachten, dass nicht überall, wo Vielfalt erwähnt wird, Inklusion auch wirklich verankert und gelebt ist. Daher sollten Bewerber:innen darauf achten, ob mögliche Anpassungen als Problem gesehen werden, die Behinderung statt der Bewerber:in und deren Kenntnisse im Mittelpunkt steht, oder ob auf flexible Lösungen und Erfahrung mit Ablehnung reagiert wird.
Gleichzeitig ist nicht zu erwarten, dass für jedes Bedürfnis sofort eine Lösung parat ist. Mitarbeitende und ihre Arbeitgebenden müssen einander im Arbeitsalltag kennenlernen damit sie Arbeitsstrukturen und Arbeitsweisen verstehen – erst dann können Hürden schrittweise gemeinsam abgebaut werden.
Anspruch auf Unterstützung wahrnehmen
Eine Bewerbung muss nicht alleine bewältigt werden. Beratungsstellen, Angebote wie das myAbility Talent Programm, Peer-Netzwerke und spezialisierte Jobplattformen können bei Unterlagen, Vorbereitung auf Gespräche, Strategien zur Offenlegung und der Suche nach inklusiven Arbeitgebenden helfen. Auch Gespräche mit anderen Menschen mit Behinderung geben oft Sicherheit und praktische Hinweise.
Fazit
Eine gute Vorbereitung stärkt die Selbstbestimmung im Bewerbungsprozess. Dazu gehört, die eigenen Bedürfnisse zu kennen, Stellenanzeigen kritisch zu prüfen, Unterbrechungen im Lebenslauf einzuordnen, bewusst über Offenlegung zu entscheiden und Stärken nachvollziehbar anhand von Beispielen zu zeigen.
Eine Absage sagt nicht immer etwas über die eigenen Qualifikationen aus. Sie kann deutlich machen, dass das Unternehmen noch nicht inklusiv arbeitet. Qualifikation, Potenzial und passende Rahmenbedingungen werden in einem guten Bewerbungsprozess verbunden. So entstehen gerechte Chancen für Bewerber:innen mit Behinderung.


